Ursula Wolf: Das Tier in der Moral. Frankfurt am Main: Klostermann 1990. 169 S., ISBN: 3-465-02233-5
 
Tierrechtskonzepte Mit 'Das Tier in der Moral' leistet die deutsche Philosophin Ursula Wolf einen wichtigen Beitrag zur Diskussion im deutschsprachigen Raum um den Status nicht-menschlicher Tiere in unserer Gesellschaft. Im Rahmen ihrer langjährigen Laufbahn als Philosophie-Professorin, sowie als Buchautorin und Übersetzerin hat sich Ursula Wolf einen eigenen Zugang etwas abseits von den in der Tierrechts/Tierbefreiungsbewegung dominierenden rechtstheoretischen Argumentationsmustern erarbeitet, den sie 1990 in Form eines Buches präsentierte. Ihre Argumentation für eine gleiche Berücksichtigung aller leidensfähiger Lebewesen baut auf ihrer Kritik an bestehenden Moraltheorien auf. Angefangen bei den Vertragstheorien, über Kant und Tom Regan führt sie ihre Kritik zu Peter Singer, Schopenhauer und schließlich zur Tugendmoral. Um den Kontext aufzuhellen umreisst sie anfangs jede dieser Theorien kurz und argumentiert daraufhin schlüssig, wieso sie die bestehenden Moraltheorien als einzelne Gesamtkonzepte verwirft, löst aber jeweils ihrer Meinung nach brauchbare Elemente heraus um sie später in ihr eigenes Konzept einfließen zu lassen.
Mitleid In Anlehnung an VertreterInnen der liberalen Moral versucht Wolf zu zeigen, dass es ohne Rückgriffe auf religiöse oder metaphysische Vorstellungen vom Wert des Menschen keinen sinnvollen Grund gibt, die Moral auf Menschen zu beschränken und zieht daraus die Konsequenz nicht-menschliche Tiere in ihre 'Moral des generalisierten Mitleids' miteinzubeziehen. Als Ausgangsbasis gilt in Anlehnung an die Tugendmoral die Feststellung, dass für alle Wesen das Streben nach Selbstverwirklichung, wie auch immer dieses für den/die einzelneN aussieht, an erster Stelle steht. Dieses Streben zu verhindern bedeutet für das einzelne Individuum Leid. Daraus ergibt sich, daß die relevante Eigenschaft für Subjekte der Moral das individuelle Leiden sein muß. Da aber Mitleid, also die Berücksichtigung des individuellen Leids anderer, ein Affekt ist und somit beschränkte Reichweite besitzt, betont Ursula Wolf die Notwendigkeit das Mitleid zu universalisieren, zu verallgemeinern. Daraus ergibt sich die Moral generalisierten Mitleids.
Konsequenzen Nach einer relativ fundierten biowissenschaftlichen Differenzierung in höher und weniger entwickelte Tiere kommt Wolf auf die moralischen Verpflichtungen zu sprechen, die generalisiertes Mitleid nach sich zieht. Hierauf darf leidensfähigen Lebewesen kein Leiden zugefügt werden, sie haben Anspruch auf artspezifisch angepasste Betätigungsmöglichkeiten und soziale Beziehungen. Höher entwickelte Tiere zu töten ist moralisch falsch, bei den weniger entwickelten lässt Wolf die Tötungsfrage ziemlich offen, solange wir noch zu wenig über die Fähigkeiten dieser Tiere wissen. Intuitiv, schreibt sie, würde sie aber auch diese vor Ermordung schützen. Daraus folgt, dass -Wolfs Moralvostellungen zufolge- vieles, was Menschen Tieren antun, unzulässig ist. Darunter fällt jedenfalls die gesamte Fleischindustrie, Tierversuche und die Verwendung von Leichenteilen als Bekleidung, Schmuck etc.. Doch hierbei stößt man leider auf den meines Erachtens nicht unwesentlichen Schwachpunkt des Buches: Dass die konkreten Schlüsse aus Ursula Wolfs Moraltheorie nur ansatzweise ausgeführt und die verschiedenen Ausbeutungsbereiche nicht konkret abgehandelt werden.
Resümme In einem Anhang zeigt Ursula Wolf noch einmal die Schwächen des Singer'schen Utilitarismus anhand der Euthanasiedebatte auf und vergleicht sie mit den Ergebnissen der selben Problematik bei Verwendung ihres eigenen moralischen Ansatzes. Allgemein gesehen ist Das Tier in der Moral für ein philosophisches Wert relativ leicht zu lesen, erfordert kaum Vorwissen und leistet auf alle Fälle der kritischen Betrachtung der herkömmlichen Moralphilosophien Vorschub.