| Tierrechts Aktion Nord (Hg.): Leiden beredt werden zu lassen, ist Bedingung aller Wahrheit - Reflexionen zum Mensch-Tier-Verhältnis. Hamburg: TAN 1999. 80 S. | |
| In dieser sehr gelungenen Textsammlung versuchen vier deutsch-sprachige AutorInnen anhand verschiedener Zugänge dem Speziesismus, also der systemimmanenten Unterdrückung nicht-menschlicher Tiere, in unserer Gesellschaft auf den Grund zu gehen. | |
| Jenseits von Fleisch | Innerhalb der Kultur eines Schlachthofes - Jenseits von Fleisch von Günther Rogausch bildet den Anfang und meiner Meinung zugleich den Höhepunkt des Readers. Anhand sehr anschaulicher Beispiele und theoretisch fundierter Argumente versucht Rogausch nachzuvollziehen wie aus fühlenden Individuen, wie Schweinen, Hühnern, Schafen etc. "Fleisch" werden kann - ein Produkt, das scheinbar weder mit dem lebendigen Tier noch mit dem Mord an diesem viel zu tun hat. In seinem Essay gelingt es ihm, zu analysieren, welche Mechanismen zur Entfremdung vom Individuum bis hin zum leblosen, in Plastik verpackten Produkt im Supermarkt, zum Tragen kommen. Rogausch bedient sich dabei u.a. der Argumentation ökofeministischer TierrechtlerInnen und streicht heraus, dass speziesistisches Denken nichts anderes als ein weiterer Ausdruck von Herrschaft ist. |
| Ökofeminismus | Im Anschluss geht Birgit Bauer in Wer spricht für den Jaguar - Donna Haraways antispeziesistischer Ausflug nach Anderswo auf den Standpunkt der amerikanischen Wissenschaftlerin Donna Haraway ein. Haraways eigenständiger Ökofeminismus geht von der Konstruiertheit der Grenze zwischen Menschen und anderen Tieren aus, betont die Unmöglichkeit einer objektiven Wissenschaft und kritisiert im weiteren die, im westlichen Denken herrschenden Dualismen, wie beispielsweise Natur vs. Kultur. Sie stellt die reine Passivität nicht-menschlicher Tiere hinsichtlich der Gestaltung der menschlichen Sicht der Welt in Frage. Obwohl sich Donna Haraway nicht ausdrücklich als Antispeziesistin sieht, will die Autorin anhand dieses Textes auf die Nützlichkeit feministischer Theoriebildung für die Neugestaltung der Mensch-Tier-Beziehung aufmerksam machen, was ihr auch recht gut gelungen ist. |
| Speziesismus und Herrschaft | Orientiert an den Ideen des schweizerischen Tierethikers Jean Claude Wolf geht Susann Witt-Stahl in Der Speziesismus und seine Verflochtenheit mit herrschenden Ideologien auf die Gründe ein, warum Ethikkonzepte, die nicht-menschliche Tiere anhand ihrer Bedürfnisse miteinbeziehen, kein Gehör finden, obwohl sie fundiert und schlüssig argumentiert sind. Das Warum beantwortete schon der Sozialist und Tierrechtler Leonard Nelson: "Die Welt wird sich nie nach dem richten, was in den Büchern steht, und wenn es tausendmal wissenschaftlich begründet ist. Nicht die Theorie bestimmt die Praxis, sondern die Macht der für oder gegen eine Sache sich einsetzenden Interessen." Und um in die Materie weiter vorzudringen untersucht Witt-Stahl den Behaviorismus, den Sozialdarwinismus und den biblischen Kreationismus um ihren Einfluss auf die heute herrschende Moral zu analysieren. |
| Adorno und Horkheimer | Das Schlusslicht des Readers bildet der Text Das Mensch-Tier-Verhältnis in der kritischen Theorie Adornos und Horkheimers von Carsten Hacker. Darin wird der, von den beiden wohl bekanntesten Exponenten der sogenannten Frankfurter Schule, erarbeitete Status der nicht-menschlichen Tiere in der Gesellschaft, der sich in verschiedensten Schriften der beiden aufgesplittert findet, zusammengetragen. Obwohl dieser Beitrag interessant und beeindruckend darstellt, wie sehr in die Tiefe gehend Adornos und Horkheimers Herrschafts-Kritik ist, ist negativ anzumerken, dass dieser Beitrag sprachlich ziemlich akademisch gehalten und daher etwas schwierig zu lesen ist. |
| Resümee | Im
Gesamten ist der Reader Leiden beredt werden zu lassen eine der herausragendsten
Veröffentlichungen im deutsch-sprachigen Raum, was die Analyse des
Speziesismus im Kontext einer machtdurchdrungenen Welt betrifft und jedem
und jeder auch ohne Vorkenntnisse ans Herz gelegt werden kann. Dieser Reader ist leider nicht im Buchhandel erhältlich, dafür aber sind alle vier Texte komplett auf der Homepage der Tierrechts Aktion Nord zu finden, bzw. in Readerform ebenda zu bestellen: http://www.tierrechts-aktion-nord.de |