"Es ist nicht möglich, ein Bild zu zeigen, auf dem die Tatsache zu sehen ist dass Tiere nicht ausgebeutet werden sollen..."
Interview: Die finnische Tierbefreiungsbewegung, August 2009
Das folgende Interview entstand im Rahmen des Tierbefreiungskongresses 2009 vor der malerischen Kulisse der Burg Lohra in tiefster Provinz Deutschlands. Im Gespräch ein Aktivist über Geschichte und Gegenwart der Tierbefreiungsbewegung in Finnland und - ausgehend von einer aktuellen Recherchekampagne in Betrieben der Ausbeutung von Schweinen und Hühnern in Finnland - über die Schwierigkeiten der Vermittlung der Notwendigkeit eines Mensch-Tier-Verhältnisses jenseits von Verdinglichung, Ausbeutung und Gewalt. Ausgestraht wurde das Interview in unserer Sendung im Rahmen des Anarchistischen Radios auf Radio Orange 94.0 am 22. November 2009.
Frage:
Kannst
Du uns etwas über die Tierrechts/Tierbefreiungsbewegung in Finnland
erzählen?
Wie lange ist sie schon aktiv, was sollten wir über sie wissen?
Antwort: Die Tierbefreiungsbewegung in Finnland ist tatsächlich eine recht junge Bewegung. Ihre Anfänge liegen Anfang bis Mitte der 1990er Jahre. 1995 hat sich unsere Gruppe, Oikeutta Eläimille, [Anm.: finnisch für Animal Rights/Tierrechte bzw. die Forderung: Rechte für Tiere] gegründet. Oikeutta Eläimille ist eine Art umbrella group für lokale autonome Gruppen. Wo es notwendig ist, arbeiten wir zusammen, ansonsten sind die lokalen Gruppen unabhängig von einander aktiv.
Einer
breiten
Öffentlichkeit bekannt wurde die Tierrechtsbewegung
aufgrund
Direkter Aktionen gegen Pelzfarmen. Pelz ist in Finnland immer ein
großes Thema gewesen, weil Finnland eine große Pelzindustrie hat. Es
gibt sehr viele Pelzfarmen, die Pelze für den Export produzieren.
Durch Befreiungen von Füchsen aus Pelzfarmen bekam die Bewegung
mediale Aufmerksamkeit - wir haben parallel dazu während der 90er
Jahre viele Demos, meist gegen Pelz, abgehalten. Erst in jüngster
Zeit, während der letzten Jahre, haben wir uns mehr auf andere
Themen konzentriert, hauptsächlich auf Tiere in der
Nahrungsmittelproduktion. In diesem Bereich gab es eine
Recherchekampagne, wo die Lebensbedingungen von Tieren in mehr als
hundert Betrieben gefilmt wurden.
Wie
sieht der politische, der soziale Hintergrund der Aktivist_innen in
Finnland aus?
Anfangs
kamen die meisten Aktivist_innen aus der Hardcore-Subkultur, viele
Leute waren auch früher schon in der Ökobewegung und in anarchistischen
Zusammenhängen aktiv gewesen. Und das hat sich natürlich auch in der
Politik der Tierbefreiungsbewegung niedergeschlagen. Die Ökobewegung
war eher liberal eingestellt, ein großes Thema war da
Konsument_innenpolitik, also Dinge wie Konsumboykotts und ähnliches.
Von
anarchistischer Seite wurden typisch anarchistische Inhalte wie eine
antihierarchische Einstellung in die Bewegung eingebracht. In den
letzten Jahren hat sich das insofern verändert, dass Aktivist_innen aus
verschiedenen Ecken zu uns stoßen. Die Tierbefreiungsbewegung ist nicht
mehr einer bestimmten Subkultur verbunden, es sind mittlerweile
Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund. Insgesamt sind die
Aktivist_innen relativ jung, aber mit jeden Tag werden wir ein bisschen
älter.
In
vielen Ländern ist in der Tierrechtsbewegung - wie auch in anderen
sozialen Bewegungen - zu beobachten, dass für viele Aktivist_innen ihre
politischer Aktivität so etwas wie ein Phase ist, die sie in jungen
Jahren durchlaufen aber schließlich wieder beenden, um sich einem
Leben in
geordneteren Bahnen zuzuwenden. Wie würdest die Situation diesbezüglich
in Finnland beschreiben?
Wir
haben auch das Problem, dass die Leute in der Bewegung ständig
wechseln. Viele Aktivist_innen kommen in die Bewegung und sind für eine
kurze Zeit aktiv, dann sehen sie sich aber mit der traurigen Tatsache
konfrontiert, dass sie sich ein Leben auf traditionelle Weise
aufzubauen haben - einen Job finden, Kinder kriegen, eine Familie
gründen -, und viele meinen, dass in einer sozialen Bewegung aktiv zu
sein einerseits und der Wunsch nach einem bequemen Leben andererseits nicht zusammenpassen.
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"Wo werde ich in fünf Jahren stehen? Glaube ich, dass der Kampf für Tierbefreiung in fünf Jahren vorbei sein wird - und ich mich zur Ruhe setzen kann?" |
Ich war oft in England und habe dort Aktivist_innen getroffen, die wirkliche “Erwachsene” sind - sechzig Jahre und älter. Ich selbst bin mittlerweile 34 Jahre alt und es macht mir Hoffnung zu sehen, wie Leute es geschafft haben, ihr Leben zu leben und trotzdem in der Bewegung aktiv zu bleiben. Das ist es auch, was ich für mein Leben plane: Aktiv zu bleiben und weiter für die Dinge zu kämpfen, die mir wichtig sind. Vielleicht ist das der beste oder zumindest ein möglicher Weg - das eigene Leben zu planen und sich vielleicht zu fragen: Wo werde ich in fünf Jahren stehen? Glaube ich, dass der Kampf für Tierbefreiung in fünf Jahren vorbei sein wird und ich mich zur Ruhe setzen, ein Haus auf dem Land kaufen und aufhören kann, politisch aktiv zu sein? Oder denke ich, dass das ein lebenslanger Kampf sein wird? In welche Kämpfe werde ich in fünf oder zehn Jahren involviert sein? Vielleicht ist das eine Möglichkeit, aktiv zu bleiben - sich selber eine Art Versprechen zu geben: Ich werde diesen Kampf nicht aufgeben, ich werde bis zuletzt weitermachen - either the struggle or me.
Wie würdest du persönlich
einschätzen, wie sich die Bewegung in Finnland entwickelt? Was findest
du gut, was könnte besser sein?
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"Die Menschen,
die sich für Tiere engagieren, haben sich
vielleicht wegen ihrer mitfühlenden Einstellung sonst eher als Außenseiter_innen gefühlt..." |
Was
definitiv gut funktioniert in der Bewegung, verglichen mit anderen
Ländern, ist dass wir in Finnland ein hohes Maß an Zusammenarbeit, an
networking, haben. Wir kennen uns untereinander sehr gut und sind
miteinander befreundet. Anders als in anderen Ländern, wo ich schon war
- viele Aktivist_innen sind untereinander zerstritten und wenn sie in
verschiedenen Städten leben, kennen sie sich gar nicht, oft kennen sich
nicht einmal die Aktivist_innen, die in der selben Stadt wohnen.
Andererseits ist unsere Bewegung relativ klein, es ist also relativ
einfach, sich kennenzulernnen. Aber wir treffen uns auch landesweit
zwei Mal im Jahr und versuchen, gemeinsam Entscheidungen zu treffen und
uns zu vernetzen. Was Probleme betrifft, würde ich sagen, dass ein
großes Problem ist, dass unsere Aktionskultur nicht so
aktionsorientiert ist. Viele Leuten kommen zu den Treffen und sitzen
dort beisammen und sind nicht wirklich auf den Straßen aktiv,
beteiligen sich nicht an Aktionen. Meine persönliche Theorie darüber
ist, dass das damit zu tun hat, dass viele Aktivist_Innen relativ jung
sind und eine Geschichte der persönlichen Unsicherheit mitbringen. Eine
mitfühlende Einstellung zur uns umgebenden Welt wird im Allgemeinen
gesellschaftlich nicht bestärkt. Die
Menschen, die sich in der Tierbefreiungsbewegung engagieren, haben sich
vielleicht wegen dieser mitfühlenden Einstellung in ihrem sozialen
Umfeld eher als Außenseiter_innen gefühlt, sich nicht als
aktiv
erleben können. Da ist es nicht so leicht, auf einmal sehr aktiv
aufzutreten und Raum für sich zu beanspruchen. Da ist es einfacher,
passiv zu bleiben. Und ein weiteres Problem ist dass sich die
Zusammensetzung in der Bewegung ständig verändert. Neue Aktivist_innen
kommen dazu und nach einer kurzen Zeit gehen sie wieder. Es ist
schwierig, Aktivist_innen in der Bewegung zu halten, wie wir es gerne
hätten.
Gibt
es auch in
Finnland Stimmen in der Tierbefreiungsbewegung, die lieber einen
institutionalisierten Zugang zur politischen Arbeit sehen würden?
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"Die bevorzugte Herangehensweise des finnischen Staates sozialen Bewegungen gegenüber war es traditionellerweise, deren politische Ziele für sich selbst zu vereinnahmen. Und das hat diesen Bewegungen ihr radikales Potential genommen." |
Traditionellerweise
wollten in Finnland verschiede radikale soziale Bewegung selbst vom
Staat institutionalisiert werden. Die politische Kultur in Finnland ist
vielleicht konsensorientierter als in allen anderen Ländern. Die
bevorzugte Herangehensweise des Staates in der Auseinandersetzung mit
sozialen Bewegungen, auch radikalen sozialen Bewegungen, war es
traditionellerweise nicht, diese mit repressiven Mitteln zu
zerschlagen, sondern deren politische Ziele für sich selbst, als
Staatsziele, zu vereinnahmen und diesen Bewegungen ein kleines Bisschen
Einfluss zu gewähren, ein kleines Bisschen Möglichkeit, ihre poltischen
Ziele über traditionelle politische Insitutionen zu verfolgen. Und das
hat diesen Bewegungen ihr radikales Potential genommen.
Das
beste Beispiel dafür ist die Ökologiebewegung, die Mitte der 90er Jahre
begann, die radikalen Forderungen zu stellen, die die Ökologiebewegung
mehr als jede andere Bewegung stellen muss, angesichts solcher Probleme
wie dem Klimawandel - sie muss
einfach radikal sein. Aber dann kam die Grüne Partei in Finnland an die
Macht und das von ihnen besetzte Umweltministerium gab der
Ökologiebewegung in Finnland einigen Einfluss, förderte sie mit
staatlichen Geldern, unterstützte sie, integrierte sie sogar in die
Gesetzgebung, sodass Ökogruppen jedes die Umwelt betreffende Gesetze
kommentieren können. Durch diese Vereinnahmung konnte der Staat die
Ökobwegung um ihr radikales Potential beschneiden - sie konnte nicht
mehr Forderungen wie die nach einem Stopp des Klimawandels stellen,
statt dessen ging es nunmehr darum, diese und jene Umweltbelastung um
soundsoviel Prozent innerhalb der nächsten soundsoviel Jahre zu
reduzieren. Die Ökobewegung begann also tatsächliche Realpolitik zu
betreiben.
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"Wenn wir nicht mehr die Forderung nach der Befreiung der Tiere stellen, dann wird das niemand tun. Und das wird unser Ende als Tierbefreiungsbewegung sein." |
In
der Tierbefreiungsbewegung in Finnland ist das mittlerweile auch ein
großer Trend. Hier müssen wir wirklich aufpassen, wie wir uns
verschiedenen anderen Gruppen und staatlichen Instiutionen gegenüber
verhalten, damit wir nicht den Fehler machen, diesen Köder zu
schlucken, den sie uns anbieten, was dazu führen könnte, dass wir nicht
mehr die Forderungen stellen könnten, die die Tierbefreiungsbewegung
stellen muss.
Wenn
wir als Tierbefreiungsbewegung zu glauben beginnen, dass wir unsere
Ziele durch traditionelle politische Institutionen erreichen können,
dann müssen wir aufhören die Forderungen zu stellen, die wir stellen -
wie dass Tiere nicht Ressourcen für unsere Nahrung, unsere Kleideung
sind. Und wenn wir nicht mehr diese Forderungen stellen, dann wird das
niemand tun - und das wird unser Ende als eine Tierbefreiungsbewegung
sein.
Ist
das Konsens in der Bewegung in Finnland oder gibt es da auch Stimmen,
die meinen, eine andere Vorgehensweise wäre effektiver und dass die
Totalopposition kontraproduktiv ist?
In
der Bewegung
versuchen wir, allen mögichen Meinungen Raum zu geben, aber ich würde
meinen, dass die meisten Aktivist_innen an einer grassroots Politik
festhalten und nicht in eine parteipolitische Richtung gehen wollen.
"Natürlich ist Veganismus in unseren Gesellschaften eine extreme Angelegenheit..."
Wie schwierig oder einfach ist
es, in Finnland vegan zu sein?
Natürlich
ist Vegetarismus in Finnland “normaler” als Veganismus, tatsächlich ist
es gar nicht ungewöhnlich. Aber ich würde auch sagen, dass in Finnland
vegan zu sein ziemlich einfach ist, ich habe nie Probleme gehabt,
vegane Nahrungsmittel oder was ich sonst noch so brauche zu finden. Und
es wird jeden Tag auch einfacher. Natürlich gibt es immer mehr
Nachfrage nach so genannten special
products,
die von Veganer_innen verwendet werden. Meiner Meinung nach gibt es
zwei besonders tolle vegane Dinge in Finnland: Eines ist veganes Eis,
das es in jedem Geschäft gibt, das andere sind vegane Donuts, die
mensch in Donutbars bekommt. Also alle sind herzlich eingeladen... Ich
habe übrigens einmal jemenschen aus einem anderen Land gefragt, was das
Besondere an der finnischen Tierbefreiungsbewegung wäre, und die
Antwort war, wir würden mehr über Essen reden als überall sonst. Also
ja, das Essen ist gut und alle sollten mal zu uns kommen und mit uns
abhängen.
Wie
sieht es mit dem Image von Veganismus aus, und: Ist es reiner Zufall,
dass es die gerade erwähnten veganen Besonderheiten gibt oder werden
diese Produkte speziell für (unter anderem?) Veganer_innen produziert?
Was
die Donuts betrifft, ja, das war Zufall. Aber wie sie gemerkt haben,
dass sie viele vegane Kund_innen haben, haben sie angefangen, die
Donuts als vegan zu bewerben. Veganes Eis wird natürlich absichtlich
vegan hergestellt, aus Soja, Hafer und Proteinen.
In
Finnland
ist Veganismus in den größeren Städten bekannter, also in Städten wie
Tampere, Helsinki, Turku, Oulu, Lahti. Auf dem Land wissen die Leute
nicht unbedingt, was Veganismus bedeutet. Viele wissen es
wahrscheinlich trotzdem, in den meisten Restaurants sollte Veganismus
schon bekannt sein. Also heutzutage ist das schon ein ziemlich
bekanntes Konzept.
Und Veganismus hat auch nicht ein
“extremes” Image?
In
manchen Kreisen schon, aber meine Erfahrungen diesbezüglich haben meist
mit Restaurantbesuchen zu tun und da ist es nicht so. Natürlich ist Veganismus in
unseren
Gesellschaften eine extreme Angelegenheit und irgendwo am
Land wirst Du vielleicht komisch angeschaut, aber üblicherweise nicht.
In
Österreich haben wir ja im Moment große Probleme mit staatlicher
Repression. In anderen Ländern gibt es ähnliche Probleme - speziell
erlassene Gesetze, die Proteste verhindern sollen und die vollkommen
legale Aktionsformen kriminalisieren, nur weil sie mit Protesten gegen
Tierausbeutung verbunden sind. Wie ist die Situation in Finnland? Seid
ihr sehr von Repression betroffen und wie geht ihr damit um?
Im
Moment haben wir nicht so große Problem wie in Österreich. Wie ich
vorhin schon erwähnt habe, geht der Staat in Finnland mit Protesten
anders um, sie versuchen eher soziale Bewegungen zu Tode zu umarmen,
sie mit minimalen Zugeständnissen zu ersticken.
Was
die Tierbefreiungsbewegung betrifft, haben die Polizeibehörden aber
auch repressive Methoden versucht, indem sie wegen kleinster Vergehen
Leute vor Gericht gestellt haben. Zum Beispiel hatte einmal jemensch
ein Schaufenster eines Pelzgeschäftes angespucht, woraufhin die Polizei
eine DNA-Probe dieser Spucke entnommen und mittels einer DNA-Datenbank
die verantwortliche Person ausgeforscht hat. Das war schon eine sehr
extreme Vorgehensweise, wenn mensch bedenkt, dass DNA-Proben eine sehr
kostspielige Angelegenheit sind. Und es gab auch Verfügungen gegen
Personen, die es ihnen verbieten, an Demonstrationen teilzunehmen. Das
hat das Abhalten von Demos in manchen Städten schwieriger, manchmal
sogar unmöglich gemacht. Wir stellen uns auf härtere
Repressionsmaßnahmen ein, bis jetzt war es aber noch nicht ganz arg. Es
gab auch eine polizeiliche Spezialeinheit für Ermittlungen gegen
Aktivist_innen, diese Einheit ist vor einem Jahr aber wieder aufgelöst
worden. Im Moment beobachten wir die Situation.
Wie ist die Polizeit eigentlich
an die DNA der betroffenen Person herangekommen - du hast eine
Datenbank erwähnt?
Wenn
du einer Straftat angeklagt wirst, darf die Polizei eine Probe deiner
DNA zu Ermittlungszwecken abnehmen. Tatsächlich gibt es keine Datenbank
aller Aktivist_innen, aber diese Person war darin enthalten, ihr war
früher schon einmal von der Polizei eine DNA-Probe abgenommen worden.
Hat
sich die von dir erwähnte Sondereinheit eigentlich nur mit illegalen
Aktionen beschäftigt oder hat sie gegen Tierrechtsaktivismus per se ermittelt?
Es
ist davon auszugehen, dass diese Sondereinheit ursprünglich wegen der
Nerzbefreiungen und einem Brandanschlag auf einen
Futtermittellieferanten gegründet worden ist. Ein besonderes Activist Investigation Unit
hat sich aber nicht nur mit Tierbefreiungsaktivist_innen beschäftigt,
sondern auch mit der Anti-Atomkraft-Bewegung in Finnland.
Diese
Einheit war also wegen dieser illegalen Aktionen gegen Pelzfarmen
gegründet worden, trotzdem hatte deren Leiter das Vorgehen gegen die
gesamte Tierrechtsbewegung sozusagen zu seinem persönlichen Kreuzzug
erhoben. Er hat in öffentlichen Statements über die
Tierbefreiungsbewegung zum Beispiel davor gewarnt, sich in Oikeutta Eläimille
zu engagieren und uns mit Drogenproblemen in Verbindung gebracht und
andere ähnlich abwegige Aussagen gemacht. Er hat wirklich auf jede
mögliche Art versucht, die Bewegung zu kriminalisieren und vollkommen
legale Aktivitäten zu erschweren. Wie erfolgreich er dabei war, kann
ich aber nicht sagen.
"Wir sind eine Tierrechtsgruppe und unser Ziel mit dieser Kampagne war es, unser Recht, diese Dinge Tieren anzutun, grundsätzlich in Frage zu stellen..."
Du hast
hier aber nicht nur über die Tierbefreiungsbewegung in Finnland
gesprochen, sondern in einem Vortrag gestern auch eine besondere
Kampagne vorgestellt.
Diese Kampagne
bestand aus
Recherchen auf landwirtschaftlichen Betrieben, wo Eier, Masthühner und
Schweine “produziert” werden. Während dieses Kampagne sind mehr als
hundert Betriebe von Aktivist_innen heimlich aufgesucht und die Tiere
gefilmt und fotografiert worden. Diese Bilder wurden später im
Fernsehen veröffentlicht. Diese Kampagne war meiner Meinung nach sehr
erfolgreich: Nachdem die Aufnahmen in einer Fernsehsendung zu sehen
waren, reagierte die Öffentlichkeit sehr schockiert, vor allem auf die
Bilder aus den Schweinemastbetrieben. Die meisten Leute denken,
Finnland wäre ein Land mit hohen Tierschutzstandards, wo alles sauber
und nett abläuft, aber die Fotos und Videos haben diese Auffassung
widerlegt, die Betriebe waren im Gegenteil sehr verdreckt und die Tiere
wurden unter schrecklichen Bedingungen gehalten. Das hat für einigen
politischen Aufruhr gesorgt und war dann auch in den Nachrichten auf
allen möglichen Sendern zu sehen, acht Tage wurde in Folge in den
Nachrichtensendungen darüber berichtet. Viele, viele Leute in Finnland
haben diese Bilder gesehen und ich denke, dass sich dadurch die Art,
wie sie die finnische landwirtschaftliche Industrie sehen, geändert hat.
Wie
hat sich dieses Image der Tierausbeutung denn konkret geändert? Du hast
die Kampagne als erfolgreich bezeichnet - welche Ziele hattet ihr euch
gesetzt und inwiefern hat ihr sie erreichen können?
Als
wir diese Kampagne begonnen haben, wollten wir keine tierschützerischen
Forderungen stellen. Wir hatten schon gehört, dass
in anderen Ländern, auch in Österreich, verschiedene Gruppen Recherchen
durchgeführt und dann das gewonnene Material für Tierschutzforderungen
wie das Verbot dieser und jener Produktionsmethode verwendet hatten, um
sozusagen das Gesicht der Tierausbeutung netter und hübscher zu
gestalten. Wir sind eine
Tierrechtsgruppe und unser Ziel mit dieser Kampagne war es, den
Menschen zu zeigen, wie die “Nahrungsmittelproduktion” in Finnland
aussieht - und unser Recht, diese Dinge Tieren anzutun, grundsätzlich
in
Frage zu stellen, nicht nur die Frage zu stellen, ob es in
Ordnung ist, dieses Tiere in einem soundso kleinen Käfig zu halten,
anstatt den Käfig ein bisschen größer zu machen. Mit solchen Fragen
wollten wir uns nicht beschäftigen. Und ich denke, der größter Erfolg
dieser Kampagne war, dass ich würde sagen die Hälfte der erwachsenen
Bevölkerung Finnlands diese Filme gesehen hat. Ich glaube nicht, dass
irgendjemensch noch behaupten kann, Finnland wäre ein Land, wo die
industrielle Tiernutzung nett und sauber abläuft. Genauso wenig, wie
noch jemensch so einfach glauben kann, dass Finnland ein Land mit sehr
hohen Tierschutzstandards wäre - die Leute wissen jetzt, dass das Ganze
nicht so nett und hübsch aussieht.
Mit
dermaßen viel öffentlicher, medialer Aumerksamkeit - wer war noch an
dieser öffentlichen Debatte beteiligt und wie ist diese verlaufen?
Wir
wollten eine öffentliche Debatte führen, die sich nicht um Fragen des
Tierschutzes
dreht, sondern vielmehr um Tierrechte
und Tierbefreiung
- dabei waren wir nicht hundert Prozent erfolgreich. Ich glaube, unsere
beste Taktik in der Medienarbeit war, über die Medien einen Dialog,
eine öffentliche Diskussion mit allen anderen beteiligten Seiten
auszutragen. Auf diese Art haben wir es geschafft, die Filme so lange
im Fernsehen zu halten. Das war, was wir erreichen wollten: So viele
Leute wie möglich sollten diese Filme sehen, und indem wir die
Diskussion am Laufen gehalten haben, haben wir das auch geschafft.
Andererseits
waren wir eben nicht die einzigen, die an dieser öffentlichen Debatte
teilgenommen haben und wir konnten nicht deren Regeln und Bedingungen
festlegen - also haben auch andere Organisationen, auch
Tierschutzgruppen, ihre Statements abgegeben. Die Nahrungsmittelbehörden
versuchten auch zu intervenieren und die Leute davon zu überzeugen,
dass
die Tierschutzstandards in Finnland sehr gut wären und dass sie
weiterhin finnisches Fleisch kaufen könnten. Das war die Art von
medialem Diskurs, an dem wir uns beteiligt haben.
Und hat sich diese öffentliche
Debatte in verbesserten Tierschutzstandards niedergeschlagen?
Die
Nahrungsmittelbehörden haben ihre eigenen Überprüfungen durchgeführt:
Sie haben alle gefilmten Betriebe überprüft und alles für in Ordnung
befunden. Sie haben nichts gefunden, das zu beanstanden gewesen wäre.
Wenn Du Dir also auf unserer Website
die Bilder anssiehst, siehst Du, wie eine von den Berhörden
abgesegnete, vollkommmen korrekte landwirtschaftliche Nutzung von
Tieren in Finnland aussieht.
Wie
würdest Du die Tierschutzstandards in Finnland verglichen mit denen des
restlichen Europas oder der Europäischen Union beschreiben - oder
interessiert Dich eine solche Fragestellung nicht?
|
"Das Hauptproblem ist nicht, wie groß die Käfige für die Tiere sind. Die Frage ist doch die: Gibt es einen Käfig - oder nicht." |
Die
Tierschutzstandards in verschiedenen europäischen Ländern zu
vergleichen ist meiner Meinung nach nicht relevant. Weil das Hauptproblem ist nicht, wie
groß die Käfige für die Tiere sind, die Frage ist doch die: Gibt es
einen Käfig oder nicht - und nicht, ob der Käfig einen
Quadratmeter groß ist oder 1,2 Quadratmeter.
Vom
Standpunkt des Tierschutzes ist es einfach zu argumentieren: Eine
“humane” Behandlung von „Nutztieren“ zu fordern ist der Öffentlichkeit
unmittelbar verständlich. Wie habt ihr versucht, euren radikalen
Standpunkt zu vermitteln? Wie habt ihr argumentiert, dass Tiere
grundsätzlich nicht ausgebeutet werden sollen?
|
"Es ist unmöglich, ein Bild zu zeigen, auf dem die Tatsache zu sehen ist dass Tiere nicht ausgebeutet werden sollen." |
Ein
Bild von, sagen wir, einem Vogel in einem Käfig zu zeigen, ist an sich
schon eine "tierschützerische" Herangehensweise. Es
ist unmöglich, ein Bild zu zeigen, auf dem die Tatsache zu sehen ist,
dass Tiere nicht ausgebeutet werden sollen oder dass Tiere autonom in
ihren Beziehungen zu anderen Individuen sein sollen. Das ist einfach
nicht besonders sichtbar. Das zu berücksichtigen und
trotzdem
eine Kampagne, eine Recherchekampagne, durchzuführen, ist sehr
schwierig, wenn es darum geht, eine Diskussion in Begriffen von
Tierrechten und nicht in jenen des Tierschutzes zu führen. Was wir
versucht haben war, dass wir eine Vortragstour veranstaltet, Vorträge
überall im Land gehalten haben, nachdem wir das Bildmaterial
veröffentlicht hatten. Und wir haben intern viel diskutiert, wir wir
dieses Bild, das wir den Leute zeigen, erklären sollten.
|
"Was in den Masthallen verneint wird, ist jede Möglichkeit eines echten Lebens für diese Tiere." |
Unser
Ansatz war, über den Prozess zu sprechen, der es ermöglicht, solche
Dinge Tieren anzutun. Meiner Ansicht nach ist das ein Prozess, wo wir
als Menschen uns von allen anderen Tieren separieren und uns unsere
Identität als Menschen konstruieren, wobei alle andere fühlende Wesen
von dieser Kategorie - der einzigen, die mit irgendwelchen Rechten
ausgestattet ist - ausgeschlossen werden. Dieser
Ausschluss ist das, was in einer Masthühnerhalle passiert, wo Du
zwanzigtausend Tiere auf engsten Raum sehen kannst, ein einziges weißes
Meer aus Tierkörpern... Der Status der Tiere in diesen Hallen, die auf
den von uns gezeigten Bildern zu sehen sind, ist nichts anderes als der
von reiner Biomasse, die als Mittel zur Produktion von Hühnerfleisch
verwendet wird. Was dabei verneint wird, ist jede Möglichkeit eines
echten Lebens für diese Tiere, wo leben etwas anderes bedeuten würde
als einfach nur am Leben zu sein, zu existieren. So
versuchen
wir diese Bilder, die wir zeigen, zu erklären und wie wir es vermeiden
konnten, auf Tierschutzargumente zurückzugreifen.
Gestern
entwickelte sich nach Deinem Vortrag eine kurze, lebhafte Diskussionen,
wobei zumindest ein Aspekt war, wie es möglich ist, dass eine
Gesellschaft, die sich selbst als “tierlieb” einschätzt und wo kein
Mensch so ohne weiteres behaupten würde, dass Tiere reine
"Biomaschinen" wären, sie trotzdem behandelt werden, als wären sie bloß
Teile einer Maschine, Produktionsmittel. Wie denkst Du darüber?
Ja,
ich schätze, dass es nach dem Vortrag eine interessante Diskussion
gegeben hat, nur wurde sie leider auf Deutsch geführt und ich spreche
nicht wirklich gut Deutsch, also kann ich nichts konkret zu dieser
Diskussion sagen. Aber ja, dieser Ausschluss und diese soziale Technik,
andere zu nicht-Menschlichen zu machen, folgt nicht strikt der Linie
Tier oder nicht Tier. Wir wissen alle, dass unser Umgang mit Hunden als
Heimtieren sich von der Behandlung der gleichen Tieren in einem
Tierversuchslabor unterscheidet. Und auch innerhalb unserer eigenen,
menschlichen Spezies, werden andere Menschen, zum Beispiel
illegalisierte Migrant_innen, zu weniger menschlich als
andere
gemacht, ihre Rechte werden in Frage gestellt. Dieser Mechanismus
könnte die anthropologische
Maschine genannt werden, die für uns diese Legitimationen
produziert, andere als etwas mit weniger Wert als wir selbst zu
behandeln.
|
"Die Masthühnerhallen sind der Ort, wo die Idee, ein lebendes Wesen in nichts anderes als ein Produktionsmittel zu verwandeln, in ihr Extrem getrieben wird." |
Was
die Masthühnerhallen betrifft, die Hühnerzuchtbetriebe, denke ich, dass
dies der Ort ist, wo diese Idee, ein lebendes Wesen in nicht anderes
als ein Produktionsmittel zu verwandeln, in ihr Extrem getrieben
wird. Du kannst Dir diese zwanzigtausend Vögel ansehen und Du weißt,
dass sie, wenn Du sie aus dieser Halle entfernen und als Haustiere
aufnehmen würdest, ein eigenes Leben hätten. Ein Leben voller
Erfahrungen und Geschichten, voller Ereignisse, ein Leben voller Wert -
etwas, das wirklich ein Leben wäre anstatt bloß reine Existenz. Aber
wenn dieses Tier in diese Zuchteinheiten gesteckt wird, dann ist es
nicht anderes als reine Biomasse. Wir produzieren Leben in der
Zuchteinheiten und dann bringen wir das Tier ins Schlachthaus und dort
wird es getötet - das Schlachthaus produziert den Tod. Im
Wesentlichen ist das, wie ich glaube dass unsere Produktion von Tieren
in etwas, das wir essen, funktioniert.
Du
hast gerade dieses Unterscheidung getroffen, auf der einen Seite ein
Tier als Haustier und auf der anderen Seite zu einem Produktionsmittel
gemacht. Würdest Du meinen, dass das zwei Gegensätze sind oder würdest
Du mit Günther Rogausch übereinstimmen, der meint, dass
das grundsätzliche ein und dieselbe Sache ist und da einen Unterschied
zu machen aus einem falschen Verständnis der speziesistischen Beherrschung der
Tiere resultiert?
Unser Verhältnis zu Hunden
als Haustieren ist
definitv ein anderes als unser Verhältnis zu einem Masthuhn in einer
Zuchtbetrieb - oder auch zu einem Hund in einem Tierversuchslabor. Was
ich eben darüber gesagt habe, wie Tieren die Möglichkeit eines Lebens
als etwas Wertvolles und etwas anderes als die bloße Existenz
verweigert wird - das ist, was in einer Masthuhnaufzuchtanlage
passiert, in seiner extremsten Form. Das passiert nicht, wenn
Du ein Tier als Haustier aufnimmst. Natürlich ist die
Haustierindustrie
etwas, das wir als Tierbefreier_innen in Frage stellen und bekämpfen
müssen, aber es wäre ein Fehler, ein Gleichzeichen zwischen diese beiden
Formen der Ausbeutung zu setzen.
Es
ist ein vollkommen anderer Prozess, was passiert wenn ein Tier
produziert wird, um gegessen zu werden, als wenn ein Tier produziert
wird, um als Haustier gehalten zu werden. Das sind zwei verschiedene
Fragen. Selbstverständlich sind diese beiden Formen der
Ausbeutung miteinander verbunden, aber es nicht die selbe Frage.
"Während wir für die Befreiung der Tiere arbeiten, müssen wir gleichzeitig uns selbst befreien!"
Um auf die anthropologische Maschine
(Giorgio Agamben) zu sprechen zu kommen - was ist ihr Ursprung, was treibt sie immer
weiter an?
Wenn
wir Tiere betrachten, zum Beispiel in einem Schweinezuchtbetrieb, dann
ist das eine etwas andere Frage, als wenn wir betrachten, wie menschliche
Populationen als Mittel der Produktion gemanaget werden. Und meine
Analyse, über die ich sprechen wollte, bezieht sich auf
nichtmenschliche Tiere.
Auf Tiere bezogen können wir
eine lange
Tradtion erkennen, die so alt ist wie die Menschheit selbst, Tiere für
Nahrung und Bekleidung zu nutzen. Aber in der letzten, allerletzten
Zeit hat sich das Denken sozusagen in die Richtung dieser Philosophie
der Produktion verändert, wobei Tiere dann zu Mitteln der Produktion
gemacht werden. Das kann damit verglichen werden, was der französische
Philosoph Michel
Foucault
über das Verwalten und Kontrollieren von menschlichen Bevölkerungen
geschrieben hat. Die Macht in unseren staatlichen Systemen hat sich von
früheren Formen der Beherrschung der Untertan_innen “mit dem Schwert” -
mit dem Recht, ihnen den Kopf abschlagen zu lassen falls sie nicht
gehorchen -, in moderne und postmoderne Methoden der Disziplinierung und
Kontrolle durch Organisierung der Bevölkerung als Mittel für die
Produktion mittles Methoden wie Sozialpolitik entwickelt. Aus einer
solchen Perspektive sind ähnliche politische, soziale und kulturelle
Prozesse erkennbar, wenn wir unsere menschliche Gesellschaften auf der
einen Seite und die Produktion von Tieren zur Nahrungsmittelproduktion
auf der anderen Seite betrachten. Meine
Botschaft in dem ganzen war, dass sich diese Idee der Organisierung von
Individuen als Material der und als Mittel für den Zweck der Produktion
sich in den Masthuhnzuchtbetrieben in ihrer extremsten Form
manifestiert.
Du hast gerade auf die Schriften
und Ideen von Michel
Foucault und Giorgio
Agamben und deren Theorien über die menschliche Gesellschaft verwiesen. Wie
siehst Du Deine Arbeit, diese
Gesellschaft davon zu überzeugen, sich gerade über Tiere Gedanken zu
machen?
Giorgio
Agamben hat ein Buch namens „Das
Offene“
geschrieben, das sich mit der Frage nach dem Tier und der menschlichen
Identitätsbildung
beschäftigt und das ich auch allen
Tierbefreiungsaktivist_innen sehr empfehlen kann, auch wenn das Thema
natürlich nicht aus
der Perspektive der Tierbefreiung behandelt wird.
Wenn
es darum geht, wie wir in dieser Gesellschaft agieren können - und
natürlich stehen wir vielen Dingen in unseren Demokratien, in unseren
Kulturen und Gesellschaften kritisch gegenüber … wahrscheinlich
müssen wir Staat und Kapitalismus abschaffen. Wenn wir den
Kapitalismus betrachten, bin ich nicht sicher, ob wir sagen können,
dass er das Wesen unserer Gesellschaft ausmacht - das ist ein Aspekt,
grob gesagt: das ökonomische System, in dem wir leben, und eine
Ideologie, welches diese Sichtweise, andere Menschen und Tiere als
reine Mittel zur Steigerung der Profite zu gebrauchen, befördert. Und
das widerspricht natürlich dieser Idee einer radikalen, mitfühlenden
Art, andere Wesen zu sehen und ihnen zu begegnen, in dieser Welt, in
der wir leben. Während
wir für die Befreiung der Tiere arbeiten, müssen wir gleichzeitig auch
uns selbst befreien.
Eben
hast Du ein Buch von Giorgo Agamben empfohlen - ist es unter finnischen
Aktivist_innen üblich, soziale Theorien auf einem so anspruchsvollen
Niveau zu diskutieren?
Meiner Erfahrung
nach ist es eher
in den deutschsprachigen Ländern üblich, theoretische Diskussionen zu
führen, sich einzulesen und zu durchdenken, was um uns herum passiert
und die politischen und sozialen Bedingungen zu analysieren, unter
denen wir versuchen, die von uns gewünschten Veränderungen
herbeizuführen. In Finnland ist das nicht so verbreitet. Unsere
hauptsächlichen Einflüsse sind von den Anfägen der Bewegung, aus den
englischsprachigen Ländern - und das ist eine vollkommen andere
politische Kultur, vor allem in England, wo die Leute auch eine ganz
andere Rhetorik gewohnt sind, verglichen mit dem kontinentalen Europa.
Aber ja, ich kann dieses Buch empfehlen, aber es ist nur ein Buch, das
diese Idee enthält, die Frage
nach dem Tier
vom Gesichtspunkt der Frage von Identität und Ontologie aus zu
analysieren - ein deutlich anderer Ansatz als in der traditionellen
Tierrechtsliteratur, die großteils aus einer moralphilosophischen und
ethischen Tradition kommt.
Welche Bücher würdest Du noch
empfehlen?
|
"Ich denke, die "Frage nach dem Tier" ist grundsätzlich eine sehr einfache." |
Ich denke, die Frage nach
dem Tier ist
grundsätzlich eine sehr einfache.
Wir haben nicht das Recht, das Leben eines Tieres einfach nur deswegen
auszulöschen, weil wir es essen möchten. Das ist nicht unser Recht und
es ist sehr einfach, sich dem zu widersetzen. Jede_r weiß, wie das
geht. Aber ich glaube auch, dass es wichtig ist, zu lesen und eine
Analyse der politischen Umstände und unserer Gesellschaft zu versuchen.
Trotzdem würde ich Leuten eher empfehlen, rauszugehen und sich zu
engagieren, anstatt zu Hause zu bleiben und lesen. Aber wenn jemensch
gerne lesen möchte, dann gibt es ein meiner Meinung nach gutes Buch
names „Animal Philosophy“,
das
von Ethik und Identität handelt. Es ist eine Zusammenstellung von Ideen
vieler kontinentaler Philosoph_innen des letzten Jahrhunderts mit
einigen sehr interessanten Beiträgen. Das könnte ein guter Anfangspunkt
für Leute sein, die sich mehr mit diesen Fragen beschäftigen möchten.
Literatur:
Giorgio Agamben: Homo sacer. Die Souveränität der Macht und das nackte Leben (2002)
Giorgio Agamben: Das Offene. Der Mensch und das Tier (2003)
Michel Foucault: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1 (1977)
Michel Foucault: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses (1977)
Michel Foucault: Leben machen und sterben lassen. Die Geburt des Rassismus, in: Bio-Macht, DISS-Texte 25 (1992)
Peter Atterton, Matthew Calarco (Hg.): Animal Philosophy. Ethics and Identity.
Mit kommentierten Beiträgen von Friedrich Nietzsche, Martin Heidegger,
Georges Bataille, Emmanuel Levinas, Michel Foucault, Gilles Deleuze und
Félix Guattari, Jacques Derrida, Luc Ferry, Hélène Cixous, Luce
Irigaray (2004)